
Kindeswohl: Anspruch und tatsächliche Praxis im deutschen Familienrecht
Das Kindeswohl ist nach § 1697a BGB das vorrangige Entscheidungskriterium in familiengerichtlichen Verfahren. Die Fallsammlung dieser Plattform dokumentiert, wie dieser Anspruch in der Praxis umgesetzt wird und wo Diskrepanzen sichtbar werden.
Offizielle Annahmen
Rechtlicher Anspruch und institutioneller Selbstanspruch:
- ✓Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt aller familiengerichtlichen Entscheidungen
- ✓Bindungsabbruch wird als eigenständiger Risikofaktor für das Kind erkannt und verhindert
- ✓Gerichtliche Verfahren sind auf eine rasche Lösung im Sinne des Kindes ausgerichtet
- ✓Institutionen handeln koordiniert und im gemeinsamen Interesse des Kindes
Beobachtete Realität
Aus dokumentierten Fällen abgeleitet:
- →Status quo der Hauptbetreuungssituation wird bei Entscheidungen häufig bevorzugt
- →Kontaktabbruch durch ein Elternteil bleibt in dokumentierten Fällen häufig ohne gerichtliche Konsequenz
- →Verfahrensverzögerungen verlängern Kontaktverlust über Monate oder Jahre
- →Institutionelle Zuständigkeiten werden ohne gemeinsame Koordination wahrgenommen
- →Kindeswille und elterliche Beeinflussung werden nicht immer klar unterschieden
Beispiele aus dokumentierten Fällen
Ungerechtfertigte inobhutnahme von 3 kinder Sorgen Recht entzug
Am 24. September trennte sich das andere Elternteil räumlich und nahm die drei Kinder (5, 11, 14 Jahre) mit; das betroffene Elternteil blieb allein, musste arbeiten und schildert Überforderung. Das Jugendamt wurde informiert, kam aber nur zu Beratungs- und Kontrollgesprächen; im Januar 2025 gab es nach Angaben des Betroffenen wegen angeblicher falscher Anschuldigungen eine Inobhutnahme und ein negatives Erziehungsfähigkeitsgutachten. Am 26. Mai entzog das Gericht dem betroffenen Elternteil das Sorgerecht; die Kinder wurden gegen ihren Willen drei Stunden entfernt untergebracht, und längere Kontakte bzw. ein Zusammenleben beim betroffenen Elternteil wurden aberkannt.
Umgangsrecht verweigert, Zwang zur Vollmacht
Das betroffene Elternteil berichtet, dass das andere Elternteil per E‑Mail den Kontakt zu beiden Kindern mit dem 12. Lebensjahr entzogen habe: den älteren Sohn 2025 direkt nach den Sommerferien und den jüngeren Sohn 2026 eine Woche vor den Sommerferien; den älteren Sohn habe das betroffene Elternteil seit einem Jahr nicht gesehen. Das Jugendamt wurde eingeschaltet und organisierte Gespräche mit der Elternberatung einer Kinderpsychologin; das betroffene Elternteil habe außerdem Anwälte kontaktiert. Am 01.08.26 sei ein Antrag auf alleinige Ummeldung des älteren Kindes eingegangen; nach einem Gerichtstermin am 15.09.26 sei das Urteil bereits festgestanden, die Verfahrensbeiständin habe ungeprüfte Vorwürfe übernommen, Nachweise und Anhörung seien nicht berücksichtigt worden, und das betroffene Elternteil sei unter Androhung des Verlusts des kompletten Sorgerechts zur Unterzeichnung einer Vollmacht gedrängt worden. Aktuell besteht kein Umgang und die Ummeldung wurde vorgenommen.
OLG Saarbrücken 6 UF 146/25 - Anhörung des Jugendamts bei Wohnungszuweisung mit Kindeswohlbezug
Die Entscheidung betrifft die Anhörung des Jugendamts bei einer Wohnungszuweisung mit Kindeswohlbezug. Zu dieser Entscheidung ist in der Landesdatenbank kein Leitsatz veröffentlicht.
OLG Saarbrücken 6 UF 102/24 - Auflagen statt Sorgerechtsentzug bei Gefährdung durch den Stiefvater
Solange ein sorgeberechtigter Elternteil das Kind freiwillig in der Fremdunterbringung belässt, kann ihm das Aufenthaltsbestimmungsrecht allenfalls dann entzogen bleiben, wenn mit ziemlicher Sicherheit festgestellt werden kann, dass er seine Zusage bereits kurzfristig nicht mehr einhalten wird. Ansonsten liegt eine unzulässige Vorratsentscheidung vor.
OLG Zweibrücken 6 UF 112/25 - Großelternumgang und begleiteter Umgang
Die Entscheidung betrifft das Umgangsrecht der Großeltern mit Kindern in Obhut und die Kindeswohldienlichkeit eines begleiteten Umgangs. Zu dieser Entscheidung ist in der Landesdatenbank kein Leitsatz veröffentlicht.
OLG Rostock 10 UF 7/26 - Aufenthaltsbestimmungsrecht für ein zweijähriges Kind
Die Entscheidung betrifft die Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts für ein zweijähriges Kind nach § 1671 BGB. Zu dieser Entscheidung ist in der Landesdatenbank kein Leitsatz veröffentlicht.
OLG Celle 15 UF 37/25 - Gestufte Rückführung als milderes Mittel
Selbst schwere Verletzungen des Kindes durch die leiblichen Eltern stehen nicht generell einer Rückführung des Kindes in deren Haushalt entgegen, sofern im konkreten Einzelfall eine hohe Prognosesicherheit dafür besteht, dass es nicht zu ähnlichen schweren Verletzungen oder anderen Schädigungen des Kindes kommt. Zur Absicherung kommen als mildere Maßnahme neben Auflagen zur Inanspruchnahme von öffentlichen Hilfen auch die vorübergehende Verbleibensanordnung mit einer gestuften Rückführung in den elterlichen Haushalt in Betracht.
OLG Celle 15 UF 246/25 - Entgegenstehender Kindeswille muss autonom gebildet sein
Zur Feststellung, ob die Gefährdung des Kindeswohls durch Schutzmaßnahmen im Heimatstaat des Kindes im Sinne von Art. 27 Abs. 3 Brüssel-IIb-Verordnung abgewendet werden kann, können die Gerichte auch die Verbindungsrichterinnen und Verbindungsrichter des Internationalen Haager Richternetzwerkes oder des Europäischen Justiziellen Netzes nutzen. Ein entgegenstehender Kindeswille, der der Rückführung im Sinne von Art. 13 Abs. 2 HKÜ entgegenstehen könnte, muss als autonom vom Kind gebildeter Wille feststellbar sein, woran es regelmäßig fehlt, wenn eine bewusste oder unbewusste Beeinflussung durch den entführenden Elternteil vorliegt.
OLG Brandenburg 9 UF 84/25 - Kindesanhörung beim Sorgerechtsentzug steht nicht zur Disposition der Eltern
Das Amtsgericht hatte den Eltern die Personensorge entzogen und eine Ergänzungspflegschaft angeordnet, ohne die Kinder anzuhören, und dies allein mit einem Verzicht der Eltern begründet. Der Senat hob die Entscheidung auf und verwies zurück: Die Kindesanhörung steht gerade bei Entscheidungen nach §§ 1666, 1666a BGB nicht zur Disposition der Eltern. Bereits der Verstoß gegen die Begründungspflicht aus § 159 Abs. 3 FamFG ist ein schwerwiegender Verfahrensmangel. Hinzu kam ein Verstoß gegen die Begründungspflicht aus § 38 Abs. 3 Satz 1 FamFG.
OLG Brandenburg 15 UF 54/24 - Teilweise Aufhebung der gemeinsamen Sorge bei anhaltendem Elternkonflikt
Der Elternkonflikt hatte zu mehreren wechselseitig eingeleiteten straf- und familiengerichtlichen Verfahren und zu wiederholten abrupten Änderungen des sozialen und örtlichen Lebensumfeldes des Kindes geführt. Das Kind war massiv in den Konflikt einbezogen und litt unter dem daraus folgenden Koalitionsdruck. Bei seinen Anhörungen brachte es zum Ausdruck, beide Eltern zu lieben und sich nicht positionieren zu können, obwohl ihm erklärt worden war, dass dies nicht von ihm verlangt werde.