
Sorgerecht & Justiz
Sorgerecht nach Bundesland, familiengerichtliche Verfahren und Vollstreckung im deutschen Familienrecht.
Sorgerecht nach Geschlecht und Bundesland
Wenn das Familiengericht über das alleinige Sorgerecht entscheidet: Verteilung je Bundesland. In ~90% aller Scheidungen bleibt das gemeinsame Sorgerecht bestehen (kein Antrag gestellt). Quelle: Destatis, Justiz auf einen Blick 2011 (letzte veröffentlichte Aufschlüsselung nach Geschlecht und Bundesland).
~90%
Gemeinsames Sorgerecht bleibt (Regelfall)
67–90%
Alleiniges Sorgerecht an Mutter (bei Urteil)
6–15%
Alleiniges Sorgerecht an Vater (bei Urteil)
Alleiniges Sorgerecht bei Scheidung: nach Bundesland
| Bundesland | Mutter | Vater | Gemeinsam / Dritte | Verteilung |
|---|---|---|---|---|
| Baden-Württemberg | 72% | 6% | 22% | |
| Bayern | 76% | 5% | 19% | |
| Berlin | 58% | 8% | 34% | |
| Brandenburg | 47% | 11% | 42% | |
| Bremen | 62% | 7% | 31% | |
| Hamburg | 63% | 7% | 30% | |
| Hessen | 70% | 6% | 24% | |
| Mecklenburg-Vorpommern | 54% | 9% | 37% | |
| Niedersachsen | 67% | 6% | 27% | |
| Nordrhein-Westfalen | 68% | 6% | 26% | |
| Rheinland-Pfalz | 69% | 6% | 25% | |
| Saarland | 67% | 7% | 26% | |
| Sachsen | 52% | 9% | 39% | |
| Sachsen-Anhalt | 50% | 10% | 40% | |
| Schleswig-Holstein | 65% | 7% | 28% | |
| Thüringen | 51% | 9% | 40% |
Ost-West-Gefälle: In den neuen Bundesländern (z.B. Brandenburg 47%) wird das alleinige Sorgerecht deutlich seltener an nur einen Elternteil übertragen als in den alten Bundesländern (z.B. Bayern 76%). Der andere Elternteil hat in ostdeutschen Bundesländern bis zu doppelt so hohe Erfolgsquoten.
Sorgerechtsentzüge nach Bundesland (2022)
Gerichtliche Entzüge der elterlichen Sorge nach §1666 BGB (Kindeswohlgefährdung). Diese Zahlen umfassen nicht die freiwillige Übertragung bei Scheidung, sondern staatliche Eingriffe. Quelle: Destatis, GENESIS-Tabelle 22522.
| Bundesland | Entzüge 2022 |
|---|---|
| Baden-Württemberg | 1.850 |
| Bayern | 2.280 |
| Berlin | 920 |
| Brandenburg | 370 |
| Bremen | 130 |
| Hamburg | 270 |
| Hessen | 1.100 |
| Mecklenburg-Vorpommern | 290 |
| Niedersachsen | 1.520 |
| Nordrhein-Westfalen | 4.394 |
| Rheinland-Pfalz | 560 |
| Saarland | 150 |
| Sachsen | 680 |
| Sachsen-Anhalt | 340 |
| Schleswig-Holstein | 480 |
| Thüringen | 390 |
| Gesamt | 15.724 |
Entwicklung: 2023: ~15.400 Entzüge. 2024: 15.168 Entzüge (davon 7.395 vollständig, 7.773 teilweise). 74% betreffen Kinder unter 14 Jahren.
Unverheiratete Eltern: Bei nichtehelicher Geburt hat die Mutter automatisch das alleinige Sorgerecht (§1626a BGB). Der Vater kann seit 2013 auch ohne Zustimmung der Mutter gemeinsames Sorgerecht beantragen. Fast jedes 3. Kind wird nichtehelich geboren.
Familiengerichtliche Verfahren 2023
Amtliche F-Statistik 2023 (Vollerfassung). Quelle: Forum Familienrecht (FF) 07+08/2025, S. 265, Editorial Dr. Fritz R. Osthold.
Amtsgerichte (1. Instanz)
- Anhängig Jahresbeginn 2023: 321.859 (2010: 424.446, –25%)
- Neuzugänge 2023: 522.559 (2010: 692.298, –25%)
- Erledigungen 2023: 526.694
- Davon innerhalb 3 Monaten: 266.750
- Durchschnittliche Dauer: 6,1 Monate (2010: 6,9)
- Scheidungsverfahren Dauer: 10,6 Monate (2010: 10,0)
- Durchschn. Verfahrenswert: 9.626 €
- VKH gewährt in: 196.901 Fällen (37,4%)
Oberlandesgerichte (2. Instanz)
- Erledigungen 2023: 18.970
- Davon Sorgerechtssachen: 5.614
- Versorgungsausgleich: 4.503
- Umgang: 2.122
- Kindesunterhalt: 1.967
- Durchschnittliche Dauer: 4,7 Monate
- Durchschn. Verfahrenswert OLG: 7.399 €
Regionale Verfahrensdauer (2023)
Durchschnittliche Verfahrensdauer am Amtsgericht nach Bundesland und am Oberlandesgericht. Die regionale Spannweite beträgt 3,4 Monate, je nach Wohnort warten Familien bis zu 68% länger auf eine Entscheidung.
Amtsgericht: nach Bundesland
| Bundesland | Monate |
|---|---|
| Bremen | 5.0 |
| Bayern | 5.1 |
| Thüringen | 8.4 |
Bundesweiter Durchschnitt: 6,1 Monate. Schnellstes Bundesland: Bremen (5,0), Schlusslicht: Thüringen (8,4).
Oberlandesgericht: Verfahrensdauer
| OLG | Monate |
|---|---|
| Nürnberg | 2.6 |
| Rostock | 7.7 |
| KG Berlin | 7.2 |
Bundesweiter OLG-Durchschnitt: 4,7 Monate. Schnellstes OLG: Nürnberg (2,6), langsamste: Rostock (7,7) und KG Berlin (7,2).
Verfahrenskostenhilfe: In 196.901 von 526.694 erledigten Verfahren wurde VKH gewährt (37,4%). Familien mit geringem Einkommen werden die Verfahrenskosten vom Staat vorgestreckt oder erlassen.
Verbundsachen: Bei 107.641 Verbundentscheidungen waren Güterrecht (756), Sorgerecht (668) und nachehelicher Unterhalt (537) die häufigsten erledigten Folgesachen.
Verfahrensarten im Detail
Scheidungsverfahren
- 2010: 218.261 erledigt
- 2023: 146.477 erledigt
- Rückgang: –33%
- Dauer: 10,6 Monate (2010: 10,0)
Isolierte Familiensachen
- 2010: 326.419 erledigt
- 2023: 257.880 erledigt
- Rückgang: –20%
Einstweilige Anordnungen
- 2010: 81.927 erledigt
- 2023: 116.170 erledigt
- Anstieg: +42%
- Gegenläufiger Trend: Eilverfahren nehmen stark zu
Verfahrensdichte nach Bundesland
Einwohner pro anhängigem Familienverfahren am 31.12.2023, je niedriger die Zahl, desto mehr Verfahren pro Kopf.
- Hamburg: 205 Einwohner/Verfahren (höchste Dichte)
- Berlin: 218 Einwohner/Verfahren
- Bremen: 213 Einwohner/Verfahren
- Sachsen: 302 Einwohner/Verfahren
- Baden-Württemberg: 330 Einwohner/Verfahren
- Bayern: 332 Einwohner/Verfahren (niedrigste Dichte)
OLG-Erledigungsart und Verfahrenswerte
- Erledigungen per Beschluss: 11.236
- Erledigungen per Vergleich: 1.765
- Güterichter-Erledigungen: 1.500
- Verfahrenswert-Spanne: Mehrzahl zwischen 3.000–4.000 € (AG und OLG)
- Durchschn. Verfahrenswert AG: 9.626 €
- Durchschn. Verfahrenswert OLG: 7.399 €
Sorgerechtsentzüge: Entwicklung 2000–2023
Gerichtliche Entzüge der elterlichen Sorge nach §1666 BGB. Im Jahr 2000 wurden 7.800 Entzüge verzeichnet, 2010 waren es 12.800 und 2023 bereits 15.400. Der Anstieg lag laut FF auch an den vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Quelle: FF 07+08/2025, S. 265.
| Jahr | Entzüge | Veränderung seit 2000 |
|---|---|---|
| 2000 | 7.800 | Basisjahr |
| 2010 | 12.800 | +64% |
| 2023 | 15.400 | +97% |
Fazit: Justiz am Limit
Über 320.000 anhängige Familiensachen zu Jahresbeginn 2023, über eine halbe Million Neuzugänge und eine regionale Spannweite von 5,0 (Bremen) bis 8,4 Monaten (Thüringen) zeigen ein überlastetes System. In 196.901 von 526.694 erledigten Verfahren wurde Verfahrenskostenhilfe gewährt (37,4%), über ein Drittel der Betroffenen könnte sich das Verfahren ohne staatliche Hilfe nicht leisten. Die Sorgerechtsentzüge nach §1666 BGB sind von 7.800 (2000) auf 15.400 (2023) gestiegen.
Ordnungsmittel & Vollstreckung im Familienrecht
Wenn ein Elternteil gerichtlich geregelten Umgang verweigert, kann das Familiengericht nach § 89 FamFG Ordnungsgeld (bis 25.000 €) oder Ordnungshaft verhängen. Die Realität zeigt jedoch ein massives Durchsetzungsdefizit.
Fehlende Statistik
- Offizielle Statistik über verhängte Ordnungsmittel: existiert nicht
- Statistik über tatsächlich vollstreckte Ordnungsmittel: existiert nicht
- Bundesweite Erfassung von Umgangsboykott: existiert nicht
- Die Familiengerichtsstatistik (Destatis) erfasst nur Geschäftsanfall und Erledigungen, also ob Beschlüsse durchgesetzt werden.
Richterliche Zurückhaltung
- Ordnungsgeld in der Praxis: 50–500 € pro Verstoß
- Ordnungshaft: extrem selten bis nie vollstreckt
- Häufige Richteraussage: „Umgang kann man eh nicht erzwingen"
- OLG Naumburg: Ermessen verdichtet sich bei Verschulden zur Pflicht, wird dennoch selten angewendet
Praktische Hindernisse
- Viele Umgangsbeschlüsse enthalten keine Ordnungsmittelbelehrung, damit nicht vollstreckbar
- Ordnungsgeld fließt an die Staatskasse, nicht an den berechtigten Elternteil
- Gerichte ändern lieber die Umgangsregelung ab, statt zu vollstrecken
- § 170d StGB (Fürsorgepflichtverletzung) wird bei Umgangsboykott praktisch nie angewandt
EGMR-Verurteilungen
- Diese Plattform dokumentiert 13 Verurteilungen Deutschlands durch den EGMR zu Sorge- und Umgangsrecht (2000–2023), jedes Urteil mit Aktenzeichen und HUDOC-Link auf Internationales Recht
- Kritik: unangemessen lange Verfahrensdauer, zu geringe Zwangsgelder
- Jüngster Fall: Sioud v. Deutschland (2023), Umgangsausschluss ohne Kindesanhörung
- Verfahrensdauer seit Reform 2008: oft 3x so lang wie zuvor
Strukturelles Versagen
Laut Studie von Dr. Wolfgang Hammer (2022, über 4.000 Fälle): Familiengerichte und Jugendämter bilden teilweise geschlossene Systeme mit festen Kartellen aus Richtern, Verfahrensbeiständen und Gutachtern.
In 147 von 154 analysierten Fällen wurden unwissenschaftliche Begriffe wie „Bindungsintoleranz" oder „Entfremdung" zur Begründung weitreichender Entscheidungen herangezogen.
Die PETRA-Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht" (Auftrag des BMFSFJ 2015) wurde jahrelang zurückgehalten. Das Verwaltungsgericht Berlin verurteilte das Ministerium zur Herausgabe, das Ministerium weigerte sich weiterhin.
Fernuniversität Hagen (2010): Viele familienrechtspsychologische Gutachten weisen schwerwiegende Qualitätsmängel auf. Geschätzter Jahresumsatz der Gutachterbranche: ~2 Mrd. € (bei ~270.000 Gutachten/Jahr).
Dokumentierte Ordnungsmittel-Fälle nach Städten
| Stadt / Gericht | Aktenzeichen | Maßnahme | Jahr |
|---|---|---|---|
| Nauen (AG) | 20 F 142/14 | 500 € Ordnungsgeld, ersatzweise Ordnungshaft | 2015 |
| Brandenburg (AG) | 42 F 282/15 | 2.000 € Ordnungsgeld, ersatzweise Ordnungshaft | 2016 |
| Korbach (AG) | 7 F 254/14 OV.1 | 150 € Ordnungsgeld, 3 Tage Ordnungshaft | 2017 |
| Hagenow (AG) | 3 F 276/09 | 1 Woche Ordnungshaft | 2010 |
| Rostock (OLG) | 10 WF 177/10 | Einstweilige Einstellung der Vollstreckung | 2010 |
| Bremen (AG) | 61 F 1760/02 | Zwangshaft zur Vollstreckung einer Umgangsregelung | 2004 |
| Schleswig (OLG) | 12 WF 67/14 | 5 Tage Ordnungshaft | 2015 |
| Pößneck (AG) | FH 3/12 | Ordnungsgeld gegen Jugendamt (Amtsvormund) | 2012 |
| Karlsruhe (BGH) | XII ZB 165/13 | Ordnungsgeld gegen Jugendamt grundsätzlich zulässig | 2014 |
| Seesen (AG) | 2 F 80/20 UG | Fehlende Ordnungsmittelbelehrung, nicht vollstreckbar | 2020 |
| Landshut (AG) | – | Ordnungsmittel gegen Jugendamt | – |
Städte: Nauen, Brandenburg, Korbach, Hagenow, Rostock, Bremen, Schleswig, Pößneck, Karlsruhe (BGH), Seesen, Landshut: dokumentierte Fälle aus der familienrechtlichen Praxis, bei denen Ordnungsmittel verhängt oder verweigert wurden.
Quellen: Destatis Familiengerichtsstatistik, EGMR-Urteile, Dr. Wolfgang Hammer „Familienrecht in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme" (2022), Fernuniversität Hagen, system-familie.de (Peter Thiel)
Interessenverbände (alle fordern Reformen im Familienrecht): Väteraufbruch für Kinder e.V., ISUV • VAMV (Verband alleinerziehender Mütter und Väter), Frauenhauskoordinierung e.V.
Zivilrechtliche Unterbringungen (2022)
Wenn Personen aufgrund einer psychischen Erkrankung eine Gefahr für sich oder andere darstellen, können sie unter bestimmten Voraussetzungen auch gegen ihren Willen untergebracht werden. Die Zahlen zeigen das Ausmaß dieser Maßnahmen in Deutschland.
55.664
Unterbringungen nach Betreuungsrecht (BGB)
93.161
Verfahren nach PsychKG der Länder
~12.000
Patienten im Maßregelvollzug (§ 63/64 StGB)
Betreuungsrechtliche Unterbringung (BGB)
55.664 zivilrechtliche Unterbringungen im Jahr 2022. Zahlen aus 13 von 16 Bundesländern verfügbar. Grundlage: Betreuungsrecht des BGB: Betreuungsgerichte entscheiden über die Unterbringung zum Schutz der betroffenen Person.
Unterbringung nach PsychKG
93.161 Unterbringungsverfahren nach den Psychisch-Kranken-Gesetzen der Länder im Jahr 2022. Grundlage: Gefahrenabwehr, die Person stellt aufgrund einer psychischen Erkrankung eine Gefahr für sich oder andere dar.
Maßregelvollzug: 2023 wurden 4.297 Personen nach § 63 StGB (Unterbringung in psychiatrischem Krankenhaus) oder § 64 StGB (Unterbringung in Entziehungsanstalt) verurteilt. Insgesamt sind derzeit etwa 12.000 Patienten im Maßregelvollzug untergebracht.
Quelle: Bundesamt für Justiz (2023): Verfahren Betreuungsgerichte 2022 [40]; Statistisches Bundesamt (2024): Strafverfolgung 2023 [41]; Zeidler et al. (2023): Maßregelvollzug [42]. Zit. in: DGPPN e.V. (2025) Basisdaten Psychische Erkrankungen, Stand Februar 2025.
Weiterführende Themen
Verfahrenshilfe
Schritt-für-Schritt-Anleitung für familiengerichtliche Verfahren: Antrag, Anhörung, Beschwerde, Vollstreckung
Vordrucke & Formulare
Offizielle Formulare aller 16 Bundesländer: VKH-Antrag, Sorgerecht, Umgang und Vollstreckung
Gesetzesanalyse
Geschlechtsneutralität, Bindungsintoleranz und regionale Unterschiede
Dokumentierte Fälle
Betroffene berichten von ihren Erfahrungen mit dem Familienrecht
Strukturelle Fehlanreize
Wie das Unterhaltsrecht Trennungskonflikte verschärft: Alles-oder-Nichts-Prinzip, Unterhaltsvorschuss, Steuerrecht
Kosten im Familienrecht
Was ein Sorgerechtsstreit kostet: Anwalt, Gutachten, Gericht und versteckte Folgekosten
Parteien & Familienrecht
Positionen der Parteien zum Wechselmodell und zur Sorgerechtsreform
Häufige Fragen
Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Familienrecht