Statistik-Diagramme und Datenpunkte auf einem Schreibtisch – Kennzahlen zum deutschen Familienrecht

Gutachten & Anwaltschaft

Qualitätsmängel bei familienpsychologischen Gutachten, Krise der Familienanwaltschaft und weitere Kennzahlen.

Erziehungsfähigkeitsgutachten: Qualität & Zahlen

Jährlich werden in Deutschland ca. ~7.500 familienpsychologische Gutachten erstellt, häufig in hochkonflikthaften Sorge- und Umgangsverfahren. Zwei empirische Studien weisen erhebliche methodische Mängel nach. Beide nennen keine Gesamtquote mangelhafter Gutachten, deshalb stehen hier die jeweils erhobenen Einzelwerte.

~7.500

Gutachten/Jahr

95,2%

unsystematische Verhaltensbeobachtung (Leitner, Daten 2013/2014)

6.000–25.000 €

Kosten pro Gutachten nach JVEG M3 (Durchschnitt 2015: ~5.100 €)

Studienergebnisse

IB-Hochschule Berlin (Prof. Werner Leitner, Daten 2013/2014, vorgestellt 2015)

  • 95,2% unsystematische Verhaltensbeobachtung
  • 80% unspezifizierte Gesprächsführung
  • 79% Fachliteratur kaum oder nicht eingearbeitet
  • Nur 21% auf aktuellem Forschungsstand
  • Nur 20,3% der Gutachten von approbierten Psychologen erstellt

Stichprobe: N = 272 Gutachten von 231 Sachverständigen, alle Bundesländer. Dritte Gutachtenstudie, Ergebnispräsentation, wernerleitner.de. Eine Gesamtquote mangelhafter Gutachten nennt die Studie nicht.

FernUniversität Hagen (Salewski/Stürmer), 116 Gutachten aus 2010/2011

  • 50% ohne Übersetzung der gerichtlichen in psychologische Fragestellungen
  • 33% mit methodisch problematischen Verfahren
  • Nur ca. 33% von zertifizierten Rechtspsychologen erstellt

Publiziert in ZKJ 2015, 10(1), 4–9, Buch Peter Lang 2016. Quelle der Ergebniszusammenfassung: DGPs-Pressemitteilung vom 30.06.2014. Eine Gesamtquote mangelhafter Gutachten nennt die Studie nicht.

Jahresstatistik: Familienpsychologische Gutachten

JahrGutachten gesamt
20257.500
20247.500
20237.500
20227.400
20217.200
20206.800
20197.500
20187.500
20177.500
20167.500
20157.500

Hinweis: Die Jahreswerte sind Schätzungen der Größenordnung (Statista/Focus 2015, fortgeschrieben). Eine jahresweise Auszählung mangelhafter Gutachten gibt es nicht, weil keine der beiden Studien eine Gesamtquote erhebt. Deshalb steht hier nur die Gesamtzahl pro Jahr.

Systemische Probleme

Keine Registrierungspflicht: Es gibt kein zentrales Register für familienpsychologische Sachverständige.

Keine IHK-Zuständigkeit: Die Qualitätssicherung liegt nicht bei der IHK.

Dezentrale Beauftragung §163 FamFG: Jedes Gericht beauftragt eigenständig, ohne zentrale Koordination.

Keine Mindestqualifikation: Es fehlt eine verbindliche Ausbildungs- oder Prüfungsordnung.

Bekannte Strukturdaten

~270.000

Gutachten gesamt (alle Gerichtsbarkeiten)

~650

Familiengerichte

148.600

Umgangs-/Sorgeverfahren (davon ~86.000 hochkonflikthaft)

8.528

Fachanwälte für Familienrecht

Quellen: IB-Hochschule Berlin (Prof. Werner Leitner, Dritte Gutachtenstudie, Daten 2013/2014, vorgestellt 2015), FernUniversität Hagen (Salewski/Stürmer, ZKJ 2015, 10(1), 4–9), LMU München, Statista/Focus 2015, LTO 2025, IGF Berlin.

Familienanwaltschaft in der Krise

Ergebnisse der Mitgliederumfrage 2024 der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht im DAV (662 Teilnehmer, 13,8% der Mitglieder). Quelle: FF 07+08/2025, S. 274, Schönborn/Morsch.

50%+
der Familienanwälte über 55 Jahre
69%
schließen Kanzlei ohne Nachfolge
14%
Berufsausstieg in unter 3 Jahren
82%
verdienen unter 100.000 €/Jahr

Altersstruktur und Kanzleiform

  • Über die Hälfte der Teilnehmer: über 55 Jahre
  • 31,3% sind Einzelanwälte über 55 Jahre
  • Einzelanwälte gesamt: 37,6%
  • Kleine Sozietäten/Bürogemeinschaften: 25,2%
  • Fachanwaltstitel Familienrecht: 86%
  • Die Mehrheit arbeitet als Einzelkämpfer, die Altersstruktur zeigt eine massive Überalterung.

Nachwuchskrise

  • Berufsende in unter 3 Jahren: 14%
  • In 3–6 Jahren: 25%
  • In 7–10 Jahren: 25%
  • Nachfolger in Aussicht: nur 15%
  • Kanzlei-Schließung ohne Nachfolge: 69%
  • Bewerbungen erhalten (letzte 2 J.): nur 14%
  • Die Mehrheit der Kanzleien wird ersatzlos geschlossen, Mandanten verlieren ihre anwaltliche Begleitung.

Einkommen (Gewinn/Bruttogehalt)

  • Unter 30.000 €/Jahr: 11%
  • 30.000–50.000 €/Jahr: 19%
  • 50.000–100.000 €/Jahr: 52%
  • 100.000–150.000 €/Jahr: 16%
  • Über 150.000 €/Jahr: 12%
  • 82% der Familienanwälte verdienen unter 100.000 €, nur 5% sind Spitzenverdiener über 200.000 €.

Umsatz und Digitalisierung

  • Umsatz unter 100.000 €: 29%
  • Umsatz 100.000–200.000 €: 42%
  • Umsatz über 200.000 €: 30%
  • Anwaltssoftware genutzt: 89%
  • E-Akte geführt: 86% (68% Hybridvariante)
  • Digitale Spracherkennung: 58%
  • 48% sehen KI als Chance zur Entlastung. Jedoch ist die Vergütung im VKH-Bereich ein häufig beklagtes Problem.

Fazit: Strukturkrise mit Folgen für Betroffene

Mehr als die Hälfte der Familienanwälte ist über 55 Jahre alt, 69% planen ihre Kanzlei ohne Nachfolge zu schließen, und 14% wollen innerhalb der nächsten drei Jahre aufhören. 82% verdienen unter 100.000 € brutto, bei 37,6% Einzelanwälten ohne Kanzleipartner.

Für betroffene Familien bedeutet das: Immer weniger spezialisierte Anwälte für eine gleichbleibend hohe Zahl von über 500.000 familienrechtlichen Verfahren pro Jahr. In ländlichen Regionen droht bereits jetzt ein Versorgungsengpass bei der familienrechtlichen Beratung.

Therapeutenmangel & Versorgungslücke

In familiengerichtlichen Verfahren wird Eltern häufig eine Therapie empfohlen oder auferlegt. Die tatsächliche Versorgungslage zeigt jedoch massive Engpässe, sowohl bei Fachärzten als auch bei Psychotherapeuten.

14.784

Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie

71%

der Fachärzte über 50 Jahre alt

57.872

Psychotherapeuten gesamt (2023)

4–6 Mon.

Ø Wartezeit auf Psychotherapie

Versorgungslage Fachärzte

  • Ambulant tätig: 6.227
  • Stationär tätig: 6.884
  • Über 50 Jahre alt: 71%
  • Frauenanteil: 52%
  • Neue Facharzttitel 2023: 624 (Ø der letzten 20 Jahre: 582/Jahr)
  • Patienten pro Quartal (ambulant): ~2,3 Mio.

Quelle: BÄK 2024 [22], KBV 2024 [25], zit. in: DGPPN Basisdaten 2025.

Behandlungslücke

  • Nur 26% mit schwerer Depression erhalten leitliniengerechte Behandlung
  • Nur ~10% erhalten Richtlinien-Psychotherapie
  • Wartezeit auf Therapiebeginn: 4–6 Monate
  • Häufigste ambulante Diagnosen: neurotische/Belastungsstörungen (82%), affektive Störungen (70%)
  • Stationäre Verweildauer: Ø 24 Tage
  • Stationäre Behandlungen 2023: ~773.600

Quelle: Melchior et al. 2014 [19], Stahmeyer et al. 2022 [20], BPtK 2018 [28], Destatis 2024 [23], zit. in: DGPPN Basisdaten 2025.

Relevanz für familiengerichtliche Verfahren

Wenn Gerichte eine therapeutische Behandlung als Voraussetzung für Umgang oder Sorgerecht empfehlen, stehen betroffene Eltern vor einer Wartezeit von 4 bis 6 Monaten. 71% der Fachärzte sind über 50, eine drohende Versorgungskrise, die den ohnehin knappen Zugang weiter verschärfen wird. Die Kombination aus Therapeutenmangel, langen Wartezeiten und niedrigen Behandlungsquoten zeigt ein systemisches Versorgungsdefizit.

Gesamtquelle: DGPPN e.V. (2025) Basisdaten Psychische Erkrankungen, Stand Februar 2025. Primärdaten: Bundesärztekammer 2024, KBV 2024, Bundespsychotherapeutenkammer 2018, Destatis 2024.

Weitere Kennzahlen

Unterhaltszahlungen

  • 48% erhalten regelmäßig Unterhalt
  • 17% erhalten unregelmäßig Unterhalt
  • 35% erhalten gar keinen Unterhalt
  • ~835.000 Kinder mit Unterhaltsvorschuss

Quelle: Allensbach 2020: 10–12, Bertelsmann 2024: 17–18.

Eheschließungen & Trends

  • 349.200 Eheschließungen in 2024 (niedrigster Stand seit 1950)
  • Ø Ehedauer: 14,7 Jahre
  • Ø Scheidungsalter Frauen: 44,6 Jahre
  • Ø Scheidungsalter Männer: 47,6 Jahre

Quelle: Destatis Fachserie 1 Reihe 1.4.

Trennungsdauer vor Scheidung (2024)

  • 80,5% nach 1 Jahr Trennung
  • 18,5% nach 3 Jahren Trennung
  • 1,0% Sonderfälle

Quelle: Destatis Fachserie 1 Reihe 1.4 (2024).

Steuerbelastung Alleinerziehender

  • Deutschland: 31,5%
  • OECD-Durchschnitt: 15,3%
  • Doppelt so stark belastet wie der OECD-Durchschnitt

Quelle: OECD Taxing Wages 2024, Bertelsmann 2024: 8.

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